Carla Gannis, Selfies, digitale Kunst und die Weihnachtsfeier von INFOMOTION

Dezember 17, 2017 / Verfasst von / 0 Kommentare

Kunst ist ein Thema, welches sehr individuell, ja subjektiv angegangen, verstanden wird. Wir alle haben eine unterschiedliche Wahrnehmung der Realität, die geprägt ist durch mannigfaltige Erfahrungen und die beeinflusst wird durch die jeweilige Situation in der wir etwas wahrnehmen. Daher soll dieser Post nicht nur eine Reportage sein, eine Bestandsaufnahme oder gar ein Bericht, sondern ich möchte euch – ganz individuell, ganz subjektiv schildern, wie ich die Kunst von Carla Gannis wahrgenommen habe. Und genau dieser subjektive Blick passt auf die „Selfie“-Kunst von Gannis.

Autor: Michael Manger

Ich interessiere mich schon sehr lange für Kunst, Architektur und Design – ich finde ein solches Interesse gehört zu einer ganzheitlichen Persönlichkeit – aber universell gebildet bin ich leider nicht, ich hatte immer den Anspruch – aber oft bleibt der eigene Anspruch hinter der Realität zurück und das Leben fordert auch Zeit für den Aufbau der Existenz und diese Zeit fehlt dem Menschen dann bei der Auseinandersetzung mit jenen Dingen, die ihm im Grunde antreiben bzw. faszinieren und dann tröstet der Satz von Beuys und die Grundsätze des Fluxus, die in dem Claim münden „Jeder Mensch ist ein Künstler“. Dieser erweiterte Kunstbegriff war es auch, der mich beim Thema Kunst immer etwas beruhigt einschlafen lies, da ich durch diesen Satz nicht in der kognitiven Dissonanz verweilen musste. Ich wachte nur auf, wenn ein Schlaglicht auf dieses Thema fiel und mich blendete, ja begeisterte und zum aktiven Tun anregte.

Diese Schlaglichter fielen u.a. bei mir z.B. 1997, 2005, 2010 und dann schließlich auf der INFOMOTION Weihnachtsfeier im Dezember 2017. Diese Zeitpunkte markieren in meinem Leben die wichtigen Begegnungen mit digitaler Kunst.

Aber nun genug von meinem „Selfie“ – lasst uns in den Herbst 1997 springen – damals also vor 20 Jahren, war ich gerade mal 18 und war davon überzeugt, dass ich Architektur studieren werde, also Irgendwas mit Kunst mache – war daher auch sehr an der Kunst und besonders der Kunstgeschichte interessiert und so war es selbstverständlich zu der ersten und bisher auch besten Documenta meines Lebens, der dX, nach Kassel zu fahren. Zugleich war die dX die letzte Documenta des 20. Jahrhunderts und bot mir so, die aufgrund meiner späten Geburt – 1979 -, verpassten Jahre in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts aufzuholen. Die Documenta X hatte den Anspruch der Retroperspektive.

Die Documenta 10 brachte mich in Verbindung mit der digitalen Kunst. Projekte wie l.o.s.t faszinieren mich bis heute. Auf der Documenta 10 von Catherine David wurde das Thema digitale Kunst zusammen mit der Kunst im Web stark thematisiert. Und die Kunst, die ich dort sah, nahm viele Entwicklungen vorweg, die in den kommenden Jahren im Web passieren sollten. Das Kunstwerk „Video for two Showcase Windows“ zog mich damals in einen Flow, den ich durch die Kunst von Carla Gannis wieder aufgreifen konnte.

Das Werk von Dan Graham war zwar noch keine „echte“ digitale Kunst, aber er lies mit seiner visuellen Video-Installation einen Blick in die Zukunft zu und griff Themen auf, die auch Carla Gannis 20 Jahre später umtreiben sollten.

Die Installation von Graham beruhte, wie auch das Kunstwerk von Gannis, auf einer Analyse der Struktur unseres Gesellschaftssystems. Graham verstärkte die Entfremdung, die die alltägliche Tätigkeit des Schaufensterbummels kennzeichnet. Der Künstler erklärt dazu: „Das Glas, aus dem ein Schaufenster besteht, in dem Waren ausgestellt sind, isoliert den Konsumenten vom Produkt während es gleichzeitig dessen Spiegelbild über die ausgestellten Waren blendet.

Diese Entfremdung steigert paradoxerweise das Verlangen, den Artikel zu besitzen.“

Graham erweitert mit seiner Installation die Wahrnehmung der Realität – eben so wie auch Gannis dies mit ihrem AR-Kunstwerken heute tut. Damals erinnerte mich Graham mit seiner Installation an die Lyrik von Allen Ginsberg, den ich 1997 anfing langsam zu entdecken. Sein Satz „Shopping for Images“ wurde zu meinem Lebensmotto und genau da passte auch die Kunst von Carla Gannis super. Ich nahm Ihre Kunst in meinen Warenkorb auf.

2004 kam wieder ein Lichtstrahl, der mich aufweckte und mich zunächst ins Museum für Kommunikation nach Frankfurt und später ans ZKM in Karlsruhe führte.

Dort gab es eine Sonderausstellung „Web of Life“, die mich tief berührte und das gerade entstehende Web 2.0 versuchte theoretisch zu erklären.

Auf der Seite des ZKM liest man dazu: „… the project, focusing on the interactive installation which read the hands of thousands of viewers around the world. Just as the installation Web of Life diversely reflects the notion of living networks, so the project examines how the new media, the internet, and the network idea are part of the texture of contemporary art.“

Mich faszinierte, ähnlich wie beim Web 2.0 damals und beim Social Web später, dass der Einzelne, das Individuum ein Teil des Ganzen werden kann, dass diese Kunst im Grunde „Democratic Design“, eine unglaubliche Menge an Selfies, an individuellen Spuren ist. Genau diesen Ansatz fand ich auch bei Carla Gannis.

2004 / 2005 kam ich während meines Studiums an der Hochschule Darmstadt am Fachbereich Media in Kontakt mit „STATION ROSE“. Elisa Rose und Gary Danner hielten in Media Production eine Vorlesungsreihe zum Thema Crossmedia, Multimedia, Geschwindigkeit und Verschmelzung von Mensch und Netz.

Station Rose arbeitete zu jener Zeit mit sog. Livecasts in die Zukunft und erreichten schließlich eine Gegenwart, die der Zukunft ähnelte und so entstand „Live after History“.

All dies fiel fast zeitgleich in den Launch des ersten iPhones, welches ich mir – damals noch Werkstudent bei T-Online – sofort zulegte. Es veränderte mein Leben, es war für mich ein „Game-Changer“, da ich immer online bleiben (AlwaysOn) und die Offline-Welt ins Web – und dies in Echzeit – ziehen konnte z.B. über Apps wie TwitPics oder YFrog – einen Vorläufer von Instagram.

Station Rose (www.stationrose.com) erweiterte 2005 das digitale Leben wieder zurück in den sozialen Raum. Eine digitale erweiterte Realität gab es damals noch nicht. Und AR entstand erst.

Nach dieser sehr aufregenden Zeit (also nach 2007) schlief ich wieder mit dem erweiterten Kunstbegriff, eingebettet in meine große Liebe (meine Frau), die ich dann später heiratete, ein. Baute ein Haus und mir eine selbstständige Existenz nach dem Studium auf. Kunst spielte in dieser Zeit eine kleine Rolle, lediglich mit Marina Abramovic und auch eher am Rande. Das reale Leben stand also im Mittelpunkt.

Social Media und die Online-PR füllten mich gänzlich aus und meine alte große Verbindung aus der Kindheit mit den USA erwachte wieder – stärker als je und dieser „Missing Link“ sollte für immer sein.

Meine Frau und ich (damals noch ohne Trauschein) fuhren 2010 nach New York und besuchten die Ausstellung „The Artist is Present“. Genossen wunderschöne Tage in der Hauptstadt der Welt und machten einen Abstecher nach Brooklyn – noch immer geflasht von der Begegnung von Marina Abramovic mit Ulay. Wir konnten damals bei diesem Wiedersehen nach 20 Jahren live dabei sein und waren von den Emotionen hin und weg. Diese Performance war zwar keine digitale Kunst, aber diese begegnete uns nur zwei Stunden später in Brooklyn.

Wir lernten nämlich – ganz nebenbei – und auch eher durch meine Frau – Man Bartlett kennen und ich war sehr verwundert, als dieser sagte, dass er Social Media Künstler sei und mit AR experimentierte.

Nach dieser Reise folgte unsere Hochzeit und ich versuchte AR – unter dem Eindruck dieses Abends in Brooklyn – (als interaktiven Routenführer) in unsere Einladungkarte zur Hochzeit zu integrieren – damals nur mit wenig Erfolg (kaum jemand in Deutschland kannte AR und wollte die AR-App laden) – aber AR war präsent und für mich immer ein Thema.

Nun kommen wir endlich zum 15. Dezember 2017 – ich ganz in der Social Media Welt angekommen und weit weg von Kunst und von New York stand inmitten meiner neuen Kollegen von INFOMOTION auf einer sehr coolen Weihnachtsfeier über den Dächern von Frankfurt.

Plötzlich betrat der Bruder von Mark Zimmermann (Gründer und einer der Geschäftsführer von INFOMOTION) Arne die Bühne und präsentierte das sog. Kunst-Weihnachtsgeschenk für die Mitarbeiter. Dieses Kunstgeschenk, war ein Kunstwerk, welches mit AR funktioniert.

Es war ein Werk von Carla Gannis – also einer jener Künstler aus New York bzw. aus Brooklyn, die digitale Kunst leben. Diese Kunst passt sehr gut zu INFOMOTION und zum Unternehmensmotto „we love data“. Was dann kam, flashte mich, wie damals die Reise nach New York.

Es wurden einige Bilder von Gannis präsentiert, die aus der Serie „The Selfie Drawings“ stammen.

Diese Werke erhielten den „The Lumen Prize 2016“ und stehen in der Tradition der Social Media Art aus Brooklyn. Ich war hin und weg – sowas Cooles hier in Frankfurt auf einer Weihnachtsfeier zu sehen – unerwartet und einfach nur geil.

Die Bilder zeigen „Selfie Drawings“ einiger der INFOMOTION Mitarbeiter – diese Bilder können mit der Blippar AR-App zum AR-Kunstwerken erweitert werden und entfalten so ihre eigene individuelle Persönlichkeit.

Auf der Webseite zur Ausstellung liest man:

A Subject Self-Defined’ is a new body of work from Carla Gannis that addresses issues of branded identity; age and body estimation; catastrophe culture; and online agency via static, dynamic and interactive “selfie” imagery. Die Künstlerin selbst sagt zu diesem Werk: “My selfie drawing series began one year ago as a search, turning my gaze upon myself (and my electronic devices) to see what I might find there. I felt vulnerable at first, speaking more directly through my own voice, and using myself as a character in the digital narratives that seem to be my most natural form of expression.

The culmination of this body of work as a solo exhibition of large-format looped moving images takes its title from Joseph Kosuth’s 1966 neon sculpture that spells out and is eponymously titled ‘A Subject Self-Defined.’ He belonged to a group of artists involved in stripping down the art object, reducing it to ideas and information that were detached from personal meaning. Forty-nine years later, when we find art in the age of networked identity and digital dematerialization, I am perplexed by subjecthood and self-definition in relationship to the “personal” when performed publicly.”

Die Werke von Carla Gannis, die auf der INFOMOTION Weihnachtsfeier präsentiert wurden, gingen aber weiter, sie bezogen auch – ganz im Sinn der Postmoderne – die Kunst des Manierismus mit ein.

Gannis nahm die Bilder von Giuseppe Arcimboldo aus dem 16. Jahrhundert und transformierte dessen manieristische Bildsprache – ganz im Sinne des Vorbildes – durch neue digitale assoziative Bilder in digitale Kunst, die erst durch die erweiterte Realität ihre volle Wirkung entfalten. Einfach grandios!

Hier gehts zum INSTAGRAM Channel von Carla Gannis


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